„Dat Leven geiht, de Klön bleevt“

Morgens ist das Heim am schönsten.
Bevor das Summen der Pflegerinnen durch die Flure zieht, bevor die Tablettenwagen klackern und der Duft nach Haferbrei die Zimmer füllt. Dann ist alles noch still. Nur das Ticken der großen Uhr im Flur – und Bootsmanns leises Schnarchen unter meinem Sessel.


Ich sitze am Fenster, sehe in den Innenhof, wo die Hortensien ein bisschen zu früh geschnitten wurden. Schinkel hätte das sicher beanstandet. „Ein Garten“, sagte er mal, „ist kein Sammelsurium von Blüten, sondern ein Dialog zwischen Erde und Zeit.“
Ich grinste leise. „Im Heim ist es eher ein Monolog, Schinkel. Die Zeit redet hier lauter als alles andere.“

Kappe – also Napoleon, mein alter Freund – kommt wie immer zu spät zum Frühstück.
„Baguette war alle“, murmelt er, während er sich einen Stuhl heranzieht.
„Hier heißt das Brötchen“, sage ich.
„Brötchen klingt nach Sonntag,“ meint er, „und Sonntag ist für mich Strategiepause.“

Frau Fromm, unsere Heimleiterin, hat längst aufgegeben, uns pünktlich an den Tisch zu bringen. Sie lächelt nur noch müde, wenn sie an unserem Fenster vorbeischaut. „Die beiden Philosophen wieder“, flüstert sie manchmal den Pflegerinnen zu.
Ich hör das genau. Und bin fast ein bisschen stolz.


Szene: Der Frühstückstisch

Der Tisch ist gedeckt: zwei Brötchen, Marmelade, ein Ei, lauwarmer Kaffee.
Ich tippe mit dem Messer gegen das Glas. „Kappe, sag mal, hast du dich hier eigentlich eingelebt?“
Er schaut hoch, kaut nachdenklich und antwortet mit vollem Mund: „Ich plane.“
„Wieder ein Feldzug?“
„Nein“, sagt er, „einen Tagesablauf.“

Ich muss lachen. „Das ist im Heim die härteste Disziplin. Zwischen Frühstück und Mittagessen herrscht oft Leerlauf – und das ist gefährlicher als jede Schlacht.“
Er nickt. „Leerlauf ist die Zeit, in der Gedanken anfangen, sich zu ducken.“

Ich sehe ihn an. Und plötzlich ist da etwas wie Verständnis zwischen uns. Früher hätten wir gestritten, aber jetzt… wir sind beide auf demselben Brett, nur mit anderen Figuren.

Madame de Staël kommt vorbei, rollt ihren Rollator direkt an den Tisch, mit einem Kopftuch, das aussieht wie ein aufgespannter Papagei.
„Ihr Herren“, sagt sie, „redet schon wieder, statt zu essen?“
„Diskutieren nährt den Geist“, sagt Kappe.
„Aber nicht den Magen“, kontert sie und schiebt ihm ein Brötchenhälfte hin.


Szene: Die Morgenandacht

Frau Fromm klatscht in die Hände. „Meine Lieben, in zehn Minuten ist Andacht.“
Goethe seufzt. „Schon wieder Psalmen?“
„Heute mit Gitarre“, ruft eine Pflegerin.

Ich flüstere Kappe zu: „Wenn sie gleich ‚Danke für diesen guten Morgen‘ anstimmen, halte ich mich an meinem Kaffee fest.“
Er kichert. „Ich an meinem Baguette.“

Im Gemeinschaftsraum steht eine junge Frau mit Gitarre, sanft, freundlich, bemüht.
Sie lächelt in die Runde. „Wer möchte mitsingen?“
Bootsmann jault einmal kurz – das gilt hier offiziell als Zustimmung.

Ich singe nicht, aber ich summe. Und während die Sonne langsam über den Hof kriecht, denke ich:
Vielleicht ist das gar keine Andacht, sondern eine Übung im Dasein.
Man sitzt nebeneinander, atmet gemeinsam – und das ist schon genug.

Goethe flüstert leise: „Der Mensch ist nicht alt, solange er noch Lieder erkennt.“
Ich nicke. „Oder Hunde.“


Szene: Der Nachmittag – die Teerunde

Nachmittags kommt Frau Brackel, die mit dem Hut, der aussieht wie ein Blumenkohl. Sie bringt selbst gebackenen Kuchen mit und sagt jedes Mal: „Ist ganz leicht – nur Sahne, Butter, Zucker und ein bisschen Liebe.“
Ich esse ein Stück und sage: „Man schmeckt’s – das Leben ist süß und schwer zugleich.“

Talleyrand sitzt am Fenster, schaut hinaus und meint: „Im Heim lernt man die Zeit kauen. Stück für Stück, bis sie weich wird.“
„Oder bis sie schmilzt“, sagt Madame de Staël.

Kappe lehnt sich zurück, schließt kurz die Augen. „Tetje,“ sagt er, „weißt du, was ich vermisse?“
„Das Schlachtfeld?“
„Nein. Den Geruch von Regen auf Stein.“

Ich schweige.
Manchmal kommen solche Sätze einfach so.
Und sie bleiben. Wie eine Kerbe im Holz des Tisches.


Szene: Der Abend

Später, wenn die Flure wieder still sind und nur noch das leise Rattern der Wäschewagen zu hören ist, sitze ich wieder am Fenster.
Bootsmann döst.
Kappe hat sich mit einem Buch zurückgezogen.

Ich schreibe ein paar Zeilen in mein Heft:

„Heute war ein guter Tag. Ich habe nichts verändert – und doch ist etwas in Bewegung geblieben.“

Frau Fromm kommt vorbei, schaut herein. „Alles in Ordnung, Herr Velmede?“
Ich nicke. „Ja, alles ruhig.“
Sie sieht kurz auf meinen Stift. „Schreiben Sie wieder Geschichten?“
„Nur Notizen“, sage ich. „Für später.“

Sie lächelt. „Das sagen alle, die noch was zu erzählen haben.“
Dann geht sie weiter.


Ich sehe ihr nach und flüstere Bootsmann zu:
„Sie hat recht. Die Geschichten warten nicht. Sie kommen einfach, setzen sich an den Tisch, und wollen Tee.“
Er hebt kurz den Kopf, schnauft, und schläft weiter.

Ich lehne mich zurück.
Im Flur ruft jemand nach einer Wärmflasche.
Jemand anderes lacht.
Ein Glas klirrt.

Das ist das Leben hier: ein leises, gleichmäßiges Klirren.
Kein Hafen, kein Feldzug – nur der Rhythmus des Alltags.
Aber ehrlich: so klingt Frieden.


Typische Einwürfe für den Vortrag:

  • „Man lernt, die Zeit zu kauen – Stück für Stück, bis sie weich wird.“
  • „Wer spielt, bleibt lebendig. Wer lacht, atmet länger.“
  • „Ein Heim ist kein Ende, nur ein langsameres Frühstück.“
  • „Die Geschichten kommen nicht, sie sitzen einfach da und wollen Tee.“

Tetje Velmede

Tetje Velmede Dipl. Sozialpsychologe (.fr) Dipl. Arbeitspsychologe (.fr)